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M&A-Bewertungen – Was uns die Krise gelehrt hat
Unternehmensbewertungen sind heute praktisch zu einem standardisierten Produkt geworden. Jeder, der die grundlegenden Corporate Finance-Konzepte verstanden hat, kann ein einfaches Model erstellen und dies dann eine Bewertung nennen. Einige haben gar dieses aufwendige Verfahren gescheut und beschränkten sich nur auf die Multiplikatoren- Methode. Ein florierendes Marktumfeld gepaart mit der optimistischen Erwartungshaltung an den Märkten führte dazu, dass sich niemand wirklich Gedanken über die Nachhaltigkeit der Erträge machte. Zur Rechtfertigung der bezahlten Multiplikatoren sind Faktoren wie die Verbesserungen der Effizienz und Synergien genannt worden.
All jene, die die Grundkomponenten einer DCF-Bewertung kürzlich berechnen wollten, haben bemerkt, dass mit dem aktuell niedrigen, risikofreien Zinssatz und der erhöhten Gewichtung des Fremdkapitals in der Kapitalstruktur die gesamten Kapitalkosten eines Unternehmens höchstwahrscheinlich gesunken sind.
Dies widerspricht offensichtlich dem gesunden Menschenverstand, basiert jedoch auf diversen Mängeln des DCF-Bewertungsansatzes. Erstens müssen die Prognosen, welche oft auf einem optimistischen Szenario basieren statt auf den durchschnittlich zu erwartenden Cashflows auf ihre Erreichbarkeit überprüft werden. Es ist auch kaum mehr möglich, die Ergebnisse vergangener Jahre für die Projektion der Zukunft zu verwenden, welche oft ein weitverbreitetes Verfahren zum Erstellen von Prognosen sind.
Zweitens ist es heute bedeutend schwieriger geworden, Fremdkapital aufzunehmen. Somit ist vielmehr der Sachverhalt, ob das Unternehmen neues Fremdkapital aufnehmen kann, statt, wie hoch die daraus resultierenden Kapitalkosten für das Unternehmen sein werden, zur zentralen Frage avanciert.
In solchen Zeiten helfen Marktmultiplikatoren ebenfalls nicht weiter. Vergleicht man diese über die Zeit, so werden volatile Markttendenzen wie in der Vergangenheit beobachtbar in die Wertüberlegungen mit einbezogen, was teilweise zu sehr irreführenden Resultaten führt. Statt wie in den letzten Jahren auf die vereinfachten Verfahren zu setzen, scheint eine detailierte Bewertung mittels DCF-Ansatz die korrektere Vorgehensweise zu sein. Die in den letzten Jahren geschätzten Vorteile der Markt- und Transaktionsmultiplikatoren, wie deren Einfachheit und die wenigen benötigten Inputdaten, sind heute genau die Mängel dieses vereinfachten Ansatzes.
Die zentralen Bewertungskriterien bleiben jedoch unverändert: (1) Eine Unternehmensfinanzanalyse beginnt mit einer Industrieanalyse und wird bis auf die Ebene einzelner Projekte oder Produkte herunter gebrochen. (2) Durch die Analyse von verschiedenen Szenarien werden die Risiken von zu optimistischen Plänen aufgedeckt. Eine durchdachte Szenariobetrachtung beginnt bei den Umsätzen und führt über alle Planungsstufen hinweg. (3) Erinnern wir uns daran, dass Wachstum mit Kosten einhergeht und dass Unternehmen für Expansionen Kapital benötigen. Es muss erörtert werden, wie viel Wachstum durch Innenfinanzierung generiert werden kann ohne dabei den Verschuldungsgrad zu erhöhen. Da Kapital aktuell nicht mehr so leicht verfügbar ist, müssen Unternehmen zuerst die Finanzierung sicherstellen, bevor kapitalintensive Pläne geschmiedet werden. (4) Die Investitionsausgaben sollten priorisiert und in Instandhaltungs- und Expansionsinvestitionen unterteilt werden. (5) Eine Untersuchung der Wirtschaftlichkeit in turbulenten Zeiten liefert wichtige Erkenntnisse darüber, was geschehen kann, wenn Märkte in Schieflage geraten. Die Lektion daraus sollte sein, dass ein zusätzliches Bewertungsszenario für anormale Marktumstände erstellt wird, bei welchem fallende Marktbewertungen, erschwerter Kapitalmarktzugang und rückläufige Konsumstimmung berücksichtigt werden.
Wie wir wissen, verschwinden fundamentale Werte nicht einfach über Nacht! Wenn eine Bewertung gründlich durchgeführt worden ist, gibt es nur wenig, was diese abrupt verändern könnte. Haben sich die Werte in jüngster Vergangenheit halbiert, so sollte zunächst die Aussagekraft solcher Bewertungen angezweifelt werden.
Michael Bor
(CAIA, CFA Senior Manager, Corporate Finance Advisory, Deloitte AG)
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